Der Rettungsblog

Weblog einer Rettungswache

Unfehlbar

So, habe ja schon etliche Diskussionen hier losgetreten. Meistens fanden sich Personen aus dem themenbezogenen Opferkreis, die wenig begeistert über die Verallgemeinerungen waren, mit denen ich von einem Fehlverhalten auf die ganze Clique Rückschlüsse gezogen habe.

Wie auch andernorts mehrfach geschrieben gibt es in jeder Gruppe mit der ich als RDler in Kontakt komme Sonne und Seuche.

Es gibt wirklich gute Disponenten.Nämlich die die es schaffen auch mal zu improvisieren, schnell umdisponieren können, sich Gedanken machen und dazu bereit sind ihre eigenen Handlungen zu hinterfragen.

Es gibt hervorragende niedergelassene Ärzte, die sich fortlaufend über neueste medizinische Entwicklungen auf dem laufen halten, die zum richtigen Patienten das richtige Transportmittel schicken, die ihre Patienten nicht als Versicherungsnummern, sondern als Menschen wahrnehmen und mit denen ich bedenkenlos auf dem NEF fahren würde.

Es gibt tolle Notaufnahmen, in denen sich die Übergabe angehört wird, in denen einem ein Lächeln geschenkt wird, selbst wenn eine Patientenspringflut das Personal zu ertränken droht und in denen man sich bei uns und dem Patienten entschuldigt, wenn es mal zu Verzögerungen kommt.

Ja es gibt sogar angenehme Patienten, die einen medizinischen Notfall von Keinem unterscheiden können, die sich nicht für den Mittelpunkt der Welt halten, kein Problem mit dem Alkohol haben und mit dem geklemmten Finger auch mal selbstständig in die 600 Meter Luftlinie entfernte Klinik marschieren.

So, die meisten die in letzter Zeit ihr Fett weg bekommen haben sind jetzt rehabilitiert aber ich sehe ihr lechzt nach mehr. Was für eine sensationsgeile und blutrünstige Leserschaft ihr doch seid. Pfui, ich wende mich in Abscheu ab von euch…..

Dennoch, ihr würdet ja eh keine Ruhe geben…..Hier also mein schlimmstes Rettungserlebnis….EVER (Ist mittlerweile verjährt, war im Zweifelsfall bei meinem alten Arbeitgeber und ist sowieso frei erfunden)

Es trug sich zu da brachte eine Komission geselliger Bescheidwisser ihre geballten Erkenntnisse zu Papier und posaunten Sie anschließend in die Welt hinaus. Fortan sollten alle lebendigen Menschen die da beschäftigt waren andere weniger lebendige Menschen davon zu überzeugen die Seiten zu wechseln dieses nach einer neuen Methoden tun.

Klingt einfach…..ist aber kompliziert. Wo mit dem Geraffel hin? Wer macht wann was wo? Wer darf Intubieren?

Soetwas will entwickelt und geübt werden, also habe ich mich mit einem Kollegen kurzerhand entschlossen das mal trocken zu üben. Das Geraffel wurde aus dem RTW in die Wache geschleppt, die Übungspuppe wurde zauberhaft zurechtgemacht und es ging los. Es wurde entwickelt, durchdacht, aufgebaut, umgebaut, neu angefangen, aufgehört, alles überworfen, neu geplant, nochmal probiert und dann das ganze nochmal von vorne.

Einige Stunden später betrachteten wir unser Werk und waren zufrieden. Die neuen Richtlinien waren in Einklang gebracht mit dem was wir als ACLS bezeichnen. Das ganze mussten wir, auf dem Balkon weil Nichtraucherwache, mit einer Dosis Nikotin begießen. Mitten im Nikotinrausch wurden wir aus unserem selbstzufriedenen Dahinsinnieren gerissen, es galt einen Notfall zu versorgen.

*Husch* zum Auto, Einsatz annehmen….”Kreislaufprobleme” in einem nahe gelegenen Hotel. Dort angekommen, wurden wir bereits vom dortigen Empfangsheini erwartet, der uns zur Patientin geleiten wollte. Als Beifahrer war ich dran mit “machen”, steige aus, grüße freundlich, reiße die Geraffeltür, die direkt hinter der Beifahrertür im Koffer angebracht ist, auf und……..mache Sie schnell wieder zu. Kalter Schweiß, heiße Schauer die mir den Rücken rauf und runter kriechen, das Blut verabschiedet sich aus meinem Gesicht und läßt eine bleich ungesunde Hautfarbe zurück.

Ohgottohgottohgottohgott” Vorsichtig öffnete ich die Tür erneut einen Spalt breit und blicke in absolute Leere. Da war nichts, außer ein paar verwaister Fächer. Im Film hätte sich noch der Wind in ein paar Spinnenweben verfangen und im Hintergrund wäre ein “Tumbleweed” durch die Wüste gerollt. Wir haben beide auf dem Weg zum Fahrzeug schlichtweg vergessen das Material wieder in den RTW zu packen.

Mein Kollege war inzwischen von der Fahrerseite bei mir angekommen und schaute mich erwartungsvoll an, denn normalerweise trägt er ja die andere Hälfte des Materials zum Patienten. Ich hoffte er könnte die Katastrophe in meinen Augen sehen und würde EKG, Sauerstoff, Rucksack und Absauge mit einem lächeln aus seiner Hosentasche zaubern.

Er tat es nicht. Meine übliche Panikstrategie, dreimal die Hacken zusammenschlagen und dabei “There is no place like home” sagen, schien mir angesichts meines Kollegen und des Empfangsheinis etwas unangebracht.

Also: Notfallprogramm starten, seitlich in den RTW steigen, RR-Manschette, Stethoskop und BZ-Gerät greifen und freundlich lächelnd wieder aussteigen und den Empfangsheini ansehen als wäre es das selbstverständlichste der Welt.

Glücklicherweise hatte der Hotelmensch meinem Kollegen gesagt er könne den RTW ums Haus fahren, das wäre dichter und wir stünden auch nicht so rufschädigend vor der Einfahrt. Wenn besorgte Menschen sowas sagen ist es ja meist ein Zeichen zum Abspannen und wesentlich beruhigender als Menschen die wüst winkend am Strassenrand stehen.

Die Patientin stellte sich dann auch als leicht hypotone Krankenschwester mit verdorbenem Magen heraus, die sowieso kein Interesse an unnützen Krankenhausbesuchen hatte und nur zu schwach war ihren fortbildungswilligen Kurskolleginnen zu widersprechen. Vermutlich hat Sie ihre eigene gesundheitliche Situation auch noch mal überdacht, als sie sah das der sie betreuende Rettungsonkel die gleiche Gesichtsfarbe hatte wie sie selbst.

Ich war glücklich – Sie war glücklich und überwiegend gesund – und die Leserschaft kann jetzt jedes mal, wenn ich wieder Rundumbashing betreibe mit dem Finger auf mich zeigen und böse Kommentare über nicht anwesendes Material machen.

10 Reaktionen zu “Unfehlbar”

  1. Blaulichtblogger

    :lol: :lol: :lol: :lol: :lol: :lol: :lol:

    :twisted: Hahaaaaaaaaaaaaaaaaaaa :!:

    :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:

  2. Pro31

    Na schau, weniger ist mehr. Immer soviel Kram rumschleppen ist auch nicht gesund.

    Ps: Ein 5er für ein Bild von dem Gesicht in der Momentaufnahme (Tür auf und ups :shock: )
    Ich würde es dann auch bloggen :razz: :lol: :mrgreen:

  3. Mitfühlender

    Das Gesicht hätt ich wohl auch gerne gesehen…

    Aber was soll man sagen… Fehler macht jeder… und danach haste bestimmt ein halbes Jahr immer in die Seitentür geschaut bevor ihr losgefahren seid !

  4. Hypnosekröte

    :D
    Ich glaub für solche Momente hat Homer Simpson sein “Nein!” erfunden…

    :D :D:D:D

  5. Potassium

    O M G
    Von sowas träumt man doch normalerweise nur schlecht…
    Echt Glück gehabt, dass es der Patientin da nicht wirklich schlecht ging.

    Aber ich glaub man vergisst nie wieder sein Zeug mitzunehmen oder? ;-)

    Passiert aber nicht nur dir sowas…
    Bei uns hats angeblich schon Kollegen gegeben die den Rucksack/Tragsessel/Trage am BO/AO oder sonstwo vergessen haben :shock:

  6. Status6 » Ebbe

    [...] trifft sich mit Freunden zum Sonnenbaden und Torsten berichtet von seinem schlimmsten Rettungserlebnis… Teile und genieße Diese Icons [...]

  7. Status6

    Das zeichnet den wahren Profi aus: “Show must go on” – einfach nichts anmerken lassen… :wink:

  8. torschtl

    wundert mich jetzt aber stark, dass das dann keine REA war… denn laut Murphy und so… nä?

  9. Assistenzarzt

    Genau… eigentlich wäre da Murphys Gesetz dran gewesen wenn man die Regeln des Alltags angewendet hätte. Aber es gibt noch eine andere Regel: Gott schützt Narren und kleine Kinder und anscheinend auch die Retter ohne Equipment… :grin:

  10. Günter Schütte

    Ein Kollege von mir (nein, ich war’s nicht!) hatte einen nächtlichen Hausbesuch bei einem älteren, etwas hypochondrischen Herrn fast gerade glücklich hinter sich gebracht. Er hatte sich schon verabschiedet und zur Tür gewandt, als der Alte ihm hinter her rief: “Herr Doktor, könnten Sie mir nicht noch mal eben in die Ohren sehen?”

    Nun wollte mein Kollege den alten Patienten nicht verärgern, drehte um, klappte die Tasche auf und bemerkte, dass er den Ohrenspiegel zu Hause auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte. Was tun? Mitten in der Nacht noch mal hin und zurück? Unmöglich!

    Als Meister der Improvisation zog er schnell den Kugelschreiber aus der Tasche, steckte ihn in beide Ohren des Alten und blickte interessiert in Richtung Kugelschreiberspitze.

    “Alles in Ordnung!”, verkündete er, als er sich nun aber endgültig zur Tür wandte.

    Ich jedenfalls muß heute noch lachen, wenn ich meinen Ohrenspiegel ansehe in der Nacht…

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